Datum:

22.02.2026

Immer in Bewegung bleiben – Interview mit Prof. Jacqueline Hen

Autor:

Tim Siegert

Jacqueline ist Professorin im Studiengang und arbeitet zugleich an räumlichen Inszenierungen und Objekten. Ihre Praxis bewegt sich an der Schnittstelle von Materialität, Wahrnehmung und digitalen wie analogen Realitäten. Im Gespräch erzählt sie von ihrem Weg an die Hochschule, warum Licht zu einem zentralen Thema wurde – und wie aus einem Semesterprojekt später die großformatige Installation Light High entstand.

Covervielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mit uns über dich und deine Arbeit zu sprechen. Wir kennen dich mittlerweile als Professorin ganz gut. Wie bist du eigentlich zu uns an die Hochschule gekommen?

JHNach meinem Studium der Visuellen Kommunikation mit dem Schwerpunkt „Entwerfen raumbezogener Systeme“ an der Universität der Künste Berlin habe ich in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen gearbeitet – unter anderem als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Fraunhofer in der Abteilung für Prozessdesign und Verwertungsforschung, als Künstler:innenassistenz sowie freiberuflich im Bereich Ausstellungsgestaltung und Set-Design.
Von 2017 bis 2023 war ich als künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Kunsthochschule für Medien Köln tätig. Dort habe ich gemeinsam mit zwei Kolleg:innen das exMedia Lab aufgebaut – einen Ort, der vor allem Freiraum für Experimente mit unterschiedlichsten Materialien, Medien und Konzepten bietet. Dazu gehörten zum Beispiel verschiedene Drucktechniken, Möglichkeiten zum elektronischen Prototyping und auch ein Biolab für die Arbeit mit biologischen Medien.
Da Stellen im akademischen Mittelbau in der Regel auf sechs Jahre befristet sind, habe ich mich frühzeitig nach neuen Perspektiven umgesehen. Hochschulen sind für mich wunderbare Orte, und gerade die Lehre macht mir große Freude. Deshalb habe ich mich 2022 auf die Ausschreibung für die jetzige Professur hier im Studiengang beworben.

Neben deiner Arbeit bei uns bist du viel unterwegs. Du arbeitest sowohl an räumlichen Inszenierungen als auch an Objekten. Wie würdest du deine Arbeit für Menschen beschreiben, die sich noch nicht so intensiv mit dir beschäftigt haben.

JHGrundsätzlich interessiere ich mich sehr für Propriozeption – also die Wahrnehmung vom Körper im Raum – an der Schnittstelle von analogen und digitalen Realitäten. In den Arbeiten geht es oft darum, geteilte Erfahrungsräume zu schaffen, die mit Materialität und Wahrnehmung spielen.

Wie schaffst du es, sowohl deine Tätigkeit als Professorin als auch deine freien Projekte unter einen Hut zu bekommen? Beeinflussen sich diese beiden Bereiche gegenseitig?

JHImmer in Bewegung bleiben. Mein Hut.  Interview Ron Funches @Jennifer Hudson

 

Wir beginnen nie mit etwas völlig Neuem, wir werden alle in einen Kontext hineingeboren, alles ist eine Reaktion auf das, was schon vor uns existierte

Wann und wie hast du gemerkt, dass Licht ein zentrales Thema deiner Arbeit wird?

JHRückblickend fand ich schon vor und während des Studiums viele Arbeiten spannend, die mit Licht arbeiten. Ich habe zum Beispiel noch in der Schulzeit und vor dem Studium Praktika am Filmset gemacht, wo Licht beziehungsweise Beleuchtung eine wichtige Rolle spielt. Im Studium hatte ich dann das Glück, an einer Exkursion in die Kunsthalle Wolfsburg teilzunehmen; dort wurde zu diesem Zeitpunkt eine große Einzelausstellung von James Turrell gezeigt.

Für diesen Artikel haben wir uns besonders deine Arbeit Light High ausgesucht, weil sie bereits während deines Studiums entstanden ist. Kannst du uns ein wenig von der Arbeit selbst und ihrer Entwicklung erzählen?

JHLight High ist eine große Rauminstallation, die mit einer Unendlichkeitsillusion, einem schwarz-weißen Lichtraster und Sound arbeitet. Die gesamte Decke ist verspiegelt, der Boden mit Wasser befüllt. Besucher:innen können die Arbeit über einen Steg betreten und bekommen das Gefühl, der Raum sei unendlich tief beziehungsweise hoch. Es geht um Kontingenzerfahrung, um Raum- und Zeitwahrnehmung und um den Glitch zwischen analogem und digitalem Raum. Die Konstruktion ist so aufgebaut, dass alles in einem Traversensystem sitzt, fast wie in einem Exoskelett. Die Installation ist 10 x 3,5 x 5,5 Meter groß und beinhaltet etwa 6.000 Liter Wasser, 200 Meter LED, zwei Kilometer Kabel und über 30.000 Einzelteile.
Der Ursprung der Arbeit liegt in einem Semesterprojekt aus dem sechsten Semester meines Bachelorstudiums. Die Aufgabe bestand darin, einen räumlichen Entwurf zum Thema „Sound and Space“ zu entwickeln. Innerhalb dieses Settings habe ich mich dann gezielt mit akustischen und optischen Illusionen sowie mit Begriffen wie Traum, Wahrnehmung und Realitätstheorien beschäftigt. Neben der Analyse aktueller und historischer künstlerisch-gestalterischer Positionen haben wir von Anfang an mit Materialien experimentiert, ohne direkt zu wissen, wohin uns dies führen würden. Wir haben gelernt, uns auf die Unsicherheit des Prozesses einzulassen, dabei Phänomene zu beobachten, die wir spannend fanden, und dann an diesen Punkten weiterzugehen. Wir entwickelten Varianten und erarbeiteten bis zum Semesterende Entwürfe und Modelle in unterschiedlichen Skalierungen und Anwendungsmöglichkeiten. Diese Untersuchungen lagen danach erst einmal auf meinem Rechner und in Form einer gedruckten Dokumentation in einem Karton.

Ungefähr sechs Jahre später habe ich diese Dokumentation eher beiläufig jemandem gezeigt – eigentlich, um über Projektdokumentationen zu sprechen. Die Person fragte mich dann, ob ich schon einmal über eine tatsächliche Umsetzung des Projektes nachgedacht hätte. Diese Frage hat – zusammen mit einer allgemeinen Krise darüber, was ich in meinem Leben machen möchte – dazu geführt, dass ich aktiv nach Kontexten und Wettbewerben gesucht habe. Dabei bin ich auf die Ausschreibung zum Internationalen Lichtkunstpreis gestoßen. Ich habe lange gehadert und mich dann im letzten Moment entschieden, meine Bewerbung abzuschicken. Aus über 350 Einsendungen wurden anonymisiert drei Arbeiten ausgewählt, die in einer zweiten Phase im Lichtkunstzentrum in Unna umgesetzt werden konnten. Ich war dann selbst etwas erschrocken, als mein Entwurf zu den ausgewählten Arbeiten gehörte.

Die Planung und der Bau waren sehr herausfordernd, und es gab keinen Raum für Fehlkalkulationen. Der Boden im Museum war sehr uneben, sodass in der Konstruktion vieles ausgeglichen werden musste. An dieser Stelle könnte ich viele Geschichten über die Herausforderungen und Krisen in der Umsetzung erzählen – über das kleine Budget, das fehlende Studio, darüber, dass ich vorher noch nie einen Pool gebaut hatte, über die erforderliche Genauigkeit von 0,5 Millimetern beim Bau oder über die Logistik eines 4,8 Meter großen Spiegels –, aber das würde hier den Rahmen sprengen.
Nach vielen Monaten der Planung und Vorbereitung, viel persönlichem Engagement und der Unterstützung von Freund:innen, Familie und dem Museum hat am Ende alles geklappt. Ich hatte das Glück, mit dem Internationalen Lichtkunstpreis ausgezeichnet zu werden, und durfte in der Nacht der Preisverleihung auch noch meinen 30. Geburtstag feiern.

Du arbeitest häufig mit experimentellen Materialien. Wie gehst du vor, wenn du mit etwas völlig Neuem beginnst? Und wie viel Scheitern gehört für dich dazu?

Ich finde es spannend, mit Materialien zu experimentieren und im Prozess Dinge zu entdecken, die ich vorher noch nicht denken kann.

Wir beginnen nie mit etwas völlig Neuem. Wir alle werden in Zusammenhänge hineingeboren, und alles was wir entwickeln, ist auch immer eine Reaktion auf das, was schon vor uns existierte – auf Orte, Ideen, Materialien oder Gewohnheiten. Ich sehe es als ein ständiges Werden oder ein „Voran-Scheitern“, in dem man immer wieder neue Dinge entdeckt, mit ihnen systematisch experimentiert, lernt, verwirft und von vorn beginnt. Dabei kann man erneut etwas entdecken, bildet Varianten und verändert Beziehungen.

Scheitern ist ein integraler Bestandteil künstlerisch-gestalterischer Forschung. Aufgeben ist dagegen keine Option. Es hilft, sich auf das zu konzentrieren, worüber man in dem jeweiligen Moment Kontrolle hat.

Deine Projekte reagieren oft stark auf den jeweiligen Ort und beziehen sich intensiv auf Architektur. Was ist für dich bei der Analyse eines Raumes am wichtigsten, und womit startest du?

JHEs ist wichtig, einen Raum auf ganz verschiedenen Ebenen wahrzunehmen. Ich stelle mir dabei Fragen wie: Um welche Art von Ort handelt es sich? Wie bewegen sich Menschen durch den Raum? Wie ist der historische und zeitgenössische Hintergrund? Mit welcher Erwartung betreten Menschen den Raum? Wird diese Erwartung gebrochen oder bestätigt? Wie riecht der Raum, wie ist die Akustik? Gibt es Tageslicht, und wenn ja, wie verändert es sich? Welche Temperatur hat der Raum? In welchem Kontext wird er betreten? Und welche kulturellen Vorprägungen bringen die Besucher:innen mit?

Im Gestaltungsprozess bewegt man sich oft zwischen Intuition und Analyse. Wie triffst du in diesen Momenten Entscheidungen? Gibt es Situationen, in denen du bewusst gegen die Logik arbeitest?

JHDie beiden Bereiche sind eng miteinander verschränkt und lassen sich nicht voneinander trennen.
Je nach Phase des Prozesses treten sie unterschiedlich stark in den Vordergrund. Oft ist es eher ein Oszillieren zwischen beiden. Es gibt Momente im Gestaltungsprozess, in denen erst einmal alle Gedanken zugelassen werden – seien sie auch noch so absurd – und andere, in denen möglichst realistisch jede Möglichkeit zu Ende gedacht werden muss.
Dabei ist es für mich sehr wichtig, in Schritten und Varianten zu denken und alles aus dem Kopf auf die Zeichenfläche zu bringen. Dadurch entsteht oft ganz automatisch eine Reduzierung und Konkretisierung. Die entscheidende Stimme ist dabei häufig der Kontext. In jedem Projekt arbeiten wir mit begrenzten Ressourcen – Zeit, Budget, Schwerkraft, Kund:innen oder Teams – und immer mit dem Anspruch, die bestmögliche Lösung zu finden und aus wenig viel zu machen.

Viele von uns studieren heute mit digitalen Tools, Renderings und Simulationen. Welche Rolle spielen digitale Technologien in deiner Arbeit? Gibt es Bereiche, in denen du ganz bewusst analog bleibst?

JHEs gibt keine Bereiche, in denen ich bewusst analog bleibe. Die Tools folgen immer der Idee und den Anforderungen ihrer Vermittlung. Was es dafür braucht, hängt wiederum stark vom Bezugsrahmen ab: Manchmal reicht schon eine krakelige Zeichnung auf einer Serviette, manchmal braucht es ein aufwendiges digitales 3D-Modell und statische Berechnungen, um eine Idee zu vermitteln.

Viele Studierende fragen sich, wie man im Laufe der Zeit eine eigene gestalterische Haltung entwickelt. Was hat dir geholfen, deinen eigenen Ausdruck und deine eigene Sprache zu finden?

  • Beschäftigung mit anderen Gestalter:innen und Künstler:innen – sowohl durch Recherche als auch durch den Besuch von Ausstellungen
  • Lesen und die Auseinandersetzung mit (Medien-)Theorie etc.
  • sich eigenständig unterschiedlichste Themen aneignen
  • möglichst viel experimentieren, Varianten bilden, Kontextualisierung, immer wieder noch einmal machen
  • die eigene Arbeit mit anderen teilen und lernen konstruktiv darüber zu sprechen
  • Kritik einfordern, selbstkritisch sein