Datum:
03.03.2026
Generative KI beschleunigt Kreativität. Geist, Geschmack und Sinne schulen
Autor:
Theo Steiner
Wie wirken sich KI-Anwendungen auf unser Leben, insbesondere auf unsere Arbeit als Gestalter:innen aus? Und was können wir tun?
Wichtigster Effekt ist die enorme Beschleunigung. Größer als alle Beschleunigungen seit der Moderne. Nicht nur wegen der bloßen Geschwindigkeit der Maschinen, sondern auch wegen der Goldrauschstimmung. Unternehmen und Personen wittern sagenhafte Profite. KI-Systeme beschleunigen Big Data Prozesse. Das sind hilfreiche Werkzeuge: Riesige Datenmengen auswerten, Basisfunktionen von Design und Layout ausführen, Variationen von Designs erstellen. Durch diese neue Welle der Automatisierung werden sehr viele Tätigkeiten hinfällig, die wir im Design für gewöhnlich „handwerklich“ nennen, also grundlegende Arbeitsschritte im Bereich der Realisierung.
Viele sagen deshalb: Für die Gestalter:innen der Zukunft bleibt dann „nur noch“ die Arbeit der kritischen Auswahl. Doch das ist eine unterkomplexe Formulierung. Wir sollten uns zuerst einmal fragen: Was bedeutet es eigentlich, wenn wir als Menschen digitalen Output, wie den eines KI-Modells, betrachten, ihn beurteilen und für unsere eigene Arbeit verwerten? Und was ist dagegen im Vergleich dazu die so genannte Künstliche Intelligenz?
Was bedeutet es eigentlich, wenn wir als Menschen digitalen Output, wie den eines KI-Modells, betrachten, ihn beurteilen und für unsere eigene Arbeit verwerten? Und was ist dagegen im Vergleich dazu die so genannte Künstliche Intelligenz?
Eine künstliche Intelligenz kann im großen Stil und in raketenartiger Geschwindigkeit Muster erkennen, superschnell kalkulieren und riesige Datenbanken durchforsten. Doch das ist nicht mit den Leistungen des menschlichen Geistes zu vergleichen. Denn wir Menschen können nicht nur Archive durchforsten, Muster erkennen und Gestalten wahrnehmen: Wo ein KI-Modell in unglaublich kurzen Zeitspannen eine unüberschaubare Menge an Optionen ausspucken kann, können wir über diese Optionen fundierte Geschmacksurteile bilden oder moralische Erwägungen durchführen. Wir können den kulturellen oder sozialen Kontext einer bestimmten gestalterischen Form erkennen. Unsere Urteilskraft hilft uns also, damit wir aus einem Wust an KI-generierten Optionen die beste auswählen. Oder vorsichtiger gesagt: jene Option, die am wenigsten eine klischeehafte Repetition darstellt.
Selbstverständlich kann ein KI-Modell Texte, Bilder und Videos erstellen, aber es verfügt über keine Lebenserfahrung, hat keine Ahnung von Emotionen, davon, was eine menschliche Handlung im Kontext bedeutet oder welche Konsequenzen sie im Leben eines Menschen haben kann. „Dass kognitive Prozesse auf Computern simuliert werden können, ist eine fatale, reduktionistische Annahme. In unserer komplexen und chaotischen Welt können Phänomene üblicherweise eben gerade nicht auf einige grundlegende Gesetze reduziert werden.“ (Elkana/Klöpper, S. 197). Erst recht kann ein KI-Modell nicht ermessen oder verstehen, welche Rolle ethische Erwägungen oder menschliche Werte bedeuten. Die Maschine kann nicht wie wir entscheiden, was akzeptabel oder unverantwortlich ist, denn sie verfügt über kein eigenes Wertesystem. Moralische Erwägungen lassen sich nur selten einfach beziffern und ausrechnen. Selbstverständlich kann eine Maschine wie etwa ein KI-Modell dabei behilflich sein, unterschiedliche Szenarien oder hinsichtlich ihrer biophysikalischen Tendenzen zu berechnen. Doch es liegt an uns Menschen, die verschiedenen Optionen zu bewerten und eine weise Entscheidung zu treffen.
Daraus ziehe ich folgenden Schluss: Angesichts der atemberaubenden Dynamik rund um Modelle der Künstlichen Intelligenz sollten wir vor allem unseren Geist, unseren Geschmack und unsere Sinne schulen – und nicht nur unsere Werkzeuge.
Gerade im Umgang mit der Künstlichen Intelligenz sollten wir uns nicht in der digitalen Matrix verlieren und maschinenkonform denken und operieren. Stattdessen sollten wir unsere Potenziale als sprachbegabte Sinneswesen kultivieren. Für diesen Appell habe ich einen triftigen Grund.
Mit der Touchscreen Revolution haben die Geräte vor rund zwanzig Jahren vollends ihre Anschaulichkeit verloren. Peter Sloterdijk, damals Rektor der HfG in Karlsruhe schrieb dann 2010, dass die technischen Systeme „für die durchschnittlichen Benutzer völlig undurchsichtige Größen“ sind. Deshalb waren aus damaliger Sicht Designer:innen so immens wichtig, denn sie konnten den Geräten eine „Kontaktseite“ gestalten, die für Laien verständlich ist: eine Benutzeroberfläche, die in Sloterdijks Formulierung eine „dienstbereite Sympathie“ ausstrahlt.
Durch die aktuelle KI-Revolution hat sich unsere Kontaktstelle mit den Geräten noch einmal radikal verändert. Wir geben sprachliche Inputs ein, Prompts, und erhalten dafür prompt maschinellen Output in der Form von Texten, Bildern, Videos etc. Doch welche Operationen diesen Output produziert haben, verstehen wir wohl noch weniger als bei den Prozessen im Inneren unserer Smartphones. Vom Wissenschaftsressort des ORF las ich dazu: Der österreichische Quantenphysiker Mario Krenn, eine Koryphäe seines Fachs, hat mithilfe einer KI Verbesserungen für einen Gravitationswellen-Detektor entwickeln können. Dabei musste er feststellen, dass die mathematischen Lösungsmodelle der KI für ihn zwar korrekt und erstaunlich sind, er jedoch keinerlei Ahnung hat, auf welchem Weg die Maschine zu dieser Lösung gekommen sein mag.
Von daher bin ich skeptisch, wenn manche heute nur fordern, wir sollten unsere Kompetenzen beim Prompten und beim Kuratieren von maschinellem Output entwickeln. Viel wichtiger fände ich es, wenn wir das kultivieren, was uns überhaupt erst so erfolgreich gemacht hat, dass wir Maschinen wie die KI-Modelle bauen konnten.
Der Mensch ist auf unserem Planeten das einzige Tier, das eine Sprache erfunden hat, sich gegenseitig Geschichten erzählen kann und damit eine neue Wirklichkeit geschaffen hat – nämlich die Ebene der intersubjektiven Wirklichkeit, die Wirklichkeit einer Geschichte, die eine Gruppe von Menschen miteinander verbindet. Wir können uns mit anderen Menschen über unsere Gedanken und Gefühle austauschen. Selbst wenn wir allein sind, können wir über unser eigenes Denken nachdenken, darüber, was uns bewusst ist, was wir verstehen, lernen oder erinnern (man nennt das „metacognition“). Auf dieser Grundlage und da wir über einen breit vernetzten und multisensorisch fundierten Erfahrungsschatz verfügen können wir intuitiv Gestaltungen oder Werke beurteilen. Und damit sind wir beim heißen Kern unseres eigenen Fachs: Denn gerade in unserer aktuellen Mediengesellschaft sind kommunikative Prozesse von essenzieller Bedeutung. Für die Wirtschaft und alle anderen gesellschaftlichen Bereiche liefert Kommunikationsdesign Orientierung und Differenzierung, vermittelt Informationen und lenkt Aufmerksamkeit. Richard Jung, Professor für Communication Design & Corporate Identity an der Düsseldorfer Hochschule, nannte kürzlich in einem LinkedIn Beitrag das Kommunikationsdesign deshalb sehr treffend die „systemrelevante Infrastruktur des Medienzeitalters“.
Vor diesem Hintergrund sollten wir uns fragen: Wie sollen sie aussehen, die Gestalter:innen der Zukunft? Ich glaube, gerade das Fach Kommunikationsdesign hat das Potenzial, hier an zentralen Punkten zu arbeiten:
Gerade angesichts der kritischen Relevanz von gelingender Kommunikation in der Mediengesellschaft müssen wir unsere Kompetenzen im visuellen Denken und im Vermitteln von Ideen kultivieren.
Gerade angesichts der immer größeren und schnelleren Datenflut sollten wir uns überlegen, wonach wir eigentlich suchen und was wir benötigen.
Gerade angesichts der Tatsache, dass wir immer größere Teile unseres Lebens, nicht nur unserer Arbeitszeit, in digitalen, permanent fluiden Räumen verbringen, sollten wir uns in körperlichen Erfahrungen verankern und mit analogen Medien und Materialien experimentieren.
Gerade angesichts der massiven „Sachzwänge“ und Sparmaßnahmen sollten wir unsere Fähigkeit zum eigenständigen, kritischen und selbstreflektierten Denken sowie zu moralischen Erwägungen kultivieren.
Das alles ist aber nicht irgendein Teil unserer künstlerisch-gestalterischen Praxis, sondern deren Krönung.
Die Bildungsforscher Yehuda Elkana und Hannes Klöpper haben in ihrem visionären Buch „Die Universität des 21. Jahrhunderts“ viele kluge Dinge von der akademischen Bildung gefordert wie z.B. „die Nutzung adaptiver Online-Ressourcen, (…) Peer-to-Peer-Unterricht, (…) die interdisziplinäre Arbeit an konkreten Problemen in kleinen Gruppen“ (S. 39). Gerade angesichts der Komplexität und Unübersichtlichkeit der spätmodernen Welt müssen wir unser „Bewusstsein für die nichtlinearen Prozesse und Phänomene der Lebenswirklichkeit“ pflegen und schulen. Und besonders wichtig finde ich ihren Hinweis, dass das Studium der Zukunft „auf die Co-Produktion durch die Studierenden angewiesen“ (S. 81) sein wird.
Dieses Buch erschien 2012, also vor dem KI-Tsunami, doch die dort formulierten Impulse sind durch diese technische Entwicklung keineswegs überholt worden. Ich halte sie im Gegenteil nun für wichtiger als je zuvor. Und unser Fach ist meines Erachtens ideal dafür geeignet, diese Impulse konstruktiv aufzunehmen und weiterzuentwickeln.
Gerade wir könnten das Lernen doch auf Prinzipien wie „Kooperation, Interaktivität, Gegenseitigkeit und soziales Engagement“ (S. 138) ausrichten.
Gerade wir könnten die Möglichkeiten der Digitalisierung für kooperative und partizipative Modelle in der Bildung nutzen.
Gerade wir könnten die alte Disziplin der Rhetorik pflegen und üben – mit der Haltung, nicht die „Menschen zu täuschen, sondern sie zu überzeugen“ (S. 123).
Erwähnte Literatur
Yehuda Elkana und Hannes Klöpper, Die Universität des 21. Jahrhunderts. Hamburg 2012
Robert Czepel, KI als Entdeckerin: „Wir verstehen sie nicht“, science.orf.at (7. November 2025)
Peter Sloterdijk, Das Zeug zur Macht. In: Der Welt über die Straße helfen. Designstudien im Anschluss an eine philosophische Überlegung. München 2010, S. 15f.